Der Lehrer und die Schülerin

Als die Vergangenheit plötzlich neben ihm Platz nimmt.

„Hallo, Herr Wagner!“

Überrascht drehe ich mich um – und brauche einen Moment, bis mein Gehirn die Silhouette zu einem Namen sortiert. Dann trifft mich das Grinsen wie ein warmer Scheinwerferstrahl.

„Lisa…“

Meine Stimme klingt rau, als hätte ich zu lange nicht gesprochen. Oder zu lange nicht an genau diese Person gedacht. Was natürlich Unsinn ist. An Lisa hatte ich gedacht. Zu oft. Zu lebhaft. Und jedes Mal hatte ich das schnell, ordentlich und vernünftig in eine Schublade geschoben, die „Vergangenheit“ heißt.

Lisa steht da, als wäre sie nie weg gewesen: dieselbe helle Energie, dieselben wachen Augen, die alles zu sehen scheinen – und dieses selbstbewusste Funkeln, als hätte sie gerade beschlossen, dass heute ein guter Abend wird.

„Du guckst, als hättest du einen Geist gesehen“, sagt sie und lacht leise.

„Ich…“ Ich räuspere mich und blinzele, als könnte ich sie dadurch weniger real machen. „Ich war nur… überrascht.“

„Überrascht ist gut.“ Sie setzt sich, ohne zu fragen, neben mich an die Bar, als hätte der Platz schon immer ihr gehört. Ihre Jacke streift meinen Ellenbogen, und mein Körper reagiert auf diese beiläufige Berührung, als wäre sie ein Signal.

Zwei Jahre. Zwei Jahre sind lang genug, um sich einzureden, dass man Dinge überwunden hat. Lang genug, um zu glauben, man hätte die eigenen Gedanken im Griff. Und kurz genug, dass ein einziges Lächeln reicht, um alles wieder aufzuwärmen.

„Was machst du hier?“ frage ich, bemüht um einen Ton, der beiläufig klingt.

„Den Abend retten“, sagt sie. „Und dich zufällig wiederfinden.“

„Zufällig?“

Sie dreht den Kopf ein wenig zu mir, legt das Kinn minimal nach oben – eine kleine Geste, die mehr sagt als Worte. „Vielleicht war es auch nicht ganz Zufall.“

Ich spüre, wie mein Herz einmal schwerer schlägt. Hinter der Bar klirren Gläser, irgendwo lacht jemand laut, ein Song läuft, den ich kenne, ohne ihn benennen zu können. Alles wirkt plötzlich lauter, wärmer, dichter.

„Wie geht’s dir?“ frage ich, und ich hasse, wie sehr ich mich bemühe, normal zu wirken.

„Bestens.“ Sie verschränkt die Arme auf der Theke und schaut mich an, als wäre ich der einzige Mensch im Raum. „Ich bin fertig mit meiner Weiterbildung. Abgeschlossen. Endgültig. Kein ‚vielleicht‘, kein ‚mal sehen‘.“

„Glückwunsch.“ Ich will lächeln, aber mein Mund fühlt sich trocken an. „Das klingt… gut.“

„Es ist mehr als gut.“ Sie rutscht ein Stück näher, nicht abrupt, sondern so selbstverständlich, dass ich es erst merke, als ihr Knie mein Bein berührt. „Es fühlt sich an wie… ich hab endlich das Gefühl, ich entscheide selbst.“

Ich schlucke.

„Und du?“ fragt sie. „Immer noch der Mann, der sich die Welt zu ordentlich einteilt?“

„Ich weiß nicht, was du meinst.“

Sie lacht wieder. Dieses Lachen macht etwas mit mir, das ich nicht erklären kann, ohne mich selbst zu verraten. „Doch. Weißt du schon.“

Ich nehme einen Schluck von meinem Drink, einfach um etwas zu tun. Der Alkohol brennt ein wenig, aber nicht genug, um das Brennen in mir zu überdecken, das Lisa gerade mit einem Blick entfacht.

„Lisa“, sage ich leise. „Wir haben uns lange nicht gesehen.“

„Ja.“ Sie nickt, und ihr Lächeln wird einen Hauch weicher. „Und trotzdem weiß ich noch genau, wie du guckst, wenn du versuchst, dich zusammenzureißen.“

Mein Atem stockt.

„Du bildest dir Sachen ein“, sage ich, aber es klingt nicht überzeugend.

„Tue ich das?“ Sie kippt den Kopf, und ihre Locken fallen ihr über die Schulter. Ein Reflex in mir will die Hand ausstrecken und sie zur Seite streichen. Ich tue es nicht. Ich tue viele Dinge nicht, weil ich gelernt habe, mich zu kontrollieren.

Lisa hebt die Hand und legt sie auf meinen Unterarm. Nicht fest. Nicht fordernd. Einfach da. Als würde sie prüfen, ob ich echt bin.

Die Haut unter ihren Fingern kribbelt, und mein Körper macht diesen verräterischen Sprung – der, den man niemandem zeigen will, weil er alles verrät.

„Wie geht es dir wirklich?“ fragt sie, und plötzlich ist da eine ernste Note.

Ich öffne den Mund, um irgendeine vernünftige Antwort zu geben. Stattdessen kommt die Wahrheit, klein und ungeschützt: „Ich hab dich nicht erwartet.“

„Das ist keine Antwort.“

„Doch.“ Ich halte ihren Blick, und es kostet mich mehr Mut, als es sollte. „Es ist die ehrlichste.“

Sie lässt ihre Finger langsam über meinen Unterarm gleiten, auf und ab, als würde sie eine Linie nachzeichnen. „Weißt du, ich hab mir oft vorgestellt, wie es wäre, dich so wiederzusehen.“

Mein Magen zieht sich zusammen. „Lisa…“

„Ich weiß.“ Ihre Stimme wird leiser. „Du willst es nicht kompliziert machen.“

„Es ist kompliziert.“

„Nur, wenn du es dazu machst.“ Sie lehnt sich etwas näher. Ich rieche ihr Parfum – etwas Warmes, leicht Süßes, mit einer frischen Spitze. Es passt zu ihr. Es passt viel zu gut.

„Du warst damals…“ Ich breche ab, weil ich nicht weiß, wie ich den Satz beenden soll, ohne in eine Richtung zu rutschen, die ich vermeiden will.

Lisa lächelt, als hätte sie genau darauf gewartet. „Damals war ich beeindruckt von dir.“

„Beeindruckt?“ Ich schnaube leise. „Das klingt nach einem höflichen Wort für…“

„Für was?“ Sie zieht die Augenbrauen hoch.

Ich merke, wie ich rot werde. „Für… Schwärmerei.“

Sie lacht – diesmal ohne Spott. „Okay. Nenn es Schwärmerei. Nenn es Verknalltsein. Nenn es, wie du willst.“ Sie beugt sich vor, und ihre Lippen sind plötzlich sehr nah an meinem Ohr. „Ich hab nächtelang wach gelegen und gedacht: Wenn ich irgendwann frei bin von allem, was mich bremst… dann gehe ich zu ihm. Und dann sage ich es ihm.“

Mein Körper reagiert, als würde ein Stromschalter umgelegt.

„Und?“ frage ich heiser, obwohl ich die Antwort kenne.

„Und jetzt sitze ich hier.“ Sie lehnt sich zurück, schaut mich an, als wäre das der Beweis. „Und ich sage es dir.“

Ich starre sie an. Mein Verstand ruft in mir: Vorsicht. Sei klug. Sei erwachsen. Aber mein Körper – mein Körper ist schon längst in einer anderen Sprache unterwegs.

„Was genau sagst du mir?“ frage ich, und ich hasse mich ein bisschen dafür, wie sehr ich es wissen will.

Lisa legt den Zeigefinger an den Rand ihres Glases, fährt ihn entlang, als würde sie Zeit gewinnen. Dann sieht sie mich direkt an.

„Ich sag dir, dass ich dich damals wollte.“

Mein Brustkorb wird eng.

„Und ich sag dir…“ Sie lässt die Pause stehen wie eine offene Tür. „…dass ich dich jetzt immer noch will.“

Ich atme langsam aus. Irgendwo in meinem Kopf beginnt eine Rechnung: Was ist erlaubt, was ist richtig, was ist klug. Aber jeder dieser Gedanken wird von einem anderen übertönt, der viel einfacher ist: Sie will dich. Sie ist hier. Sie meint es ernst.

„Lisa“, beginne ich, aber sie schüttelt den Kopf.

„Keine Rede.“ Sie hebt die Hand, tippt mit dem Finger an meine Lippen – nur ein Hauch. „Nicht jetzt. Nicht so.“

Ich schlucke wieder.

„Du willst wissen, ob ich manchmal an dich gedacht habe“, sagt sie, als hätte sie meinen Gedanken gelesen.

Ich verziehe das Gesicht. „Lisa, das—“

„Ja oder nein.“

Ich halte ihren Blick. In diesem Moment könnte ich lügen. Ich könnte mich retten, indem ich so tue, als wäre alles harmlos gewesen. Aber ihr Blick lässt keine Ausflüchte zu.

„Ja“, sage ich leise. „Ich habe an dich gedacht.“

Ihr Lächeln ist klein, fast zärtlich. „Danke.“

„Nicht so, wie es sich gehört hätte“, füge ich hinzu, und meine Stimme ist kaum mehr als ein Atemzug.

„Ich weiß.“ Sie legt die Hand auf meinen Oberschenkel. Nicht zwischen meine Beine. Nicht übergriffig. Einfach da, warm, präsent. Und mein Körper spannt sich trotzdem an, als hätte sie mich an einer unsichtbaren Stelle berührt.

„Lisa…“ Ich presse die Finger um mein Glas, weil ich irgendwo Halt brauche.

„Du musst nicht fliehen“, sagt sie. „Du musst nur ehrlich sein.“

Ich sehe ihr in die Augen. Dieses Blau ist so klar, dass es fast weh tut. Kein Spiel. Kein Unsinn. Nur dieses furchtlose: Ich will dich – und ich kann es aussprechen.

„Was willst du?“ frage ich.

Sie lächelt wieder, und diesmal ist es dieses freche, helle Lächeln, das mich damals schon aus dem Konzept gebracht hat. „Dass du aufhörst, dich zu verstecken.“

„Das ist leichter gesagt als getan.“

„Ich kann helfen.“ Sie hebt ihr Glas. „Noch einen?“

Ich lache kurz, obwohl mir nicht danach ist. „Du bist gefährlich.“

„Ich bin ehrlich.“ Sie stößt sanft mit ihrem Glas an meines. „Und du bist… faszinierend, wenn du kämpfst.“

Ich nehme den Drink, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll. Während ich trinke, spüre ich ihre Hand noch immer auf meinem Bein. Es ist eine Berührung, die alles verändert, ohne etwas zu erzwingen.

„Warum jetzt?“ frage ich schließlich.

Lisa zuckt mit den Schultern, aber in ihren Augen liegt etwas Ernstes. „Weil ich gelernt habe, dass ‚irgendwann‘ oft nie passiert. Und weil ich keine Lust mehr hatte, mich zu fragen, wie es gewesen wäre.“

Ich schlucke. „Und wenn ich nein sage?“

„Dann gehe ich.“ Sie sagt es ruhig, ohne Drama. „Und ich werde enttäuscht sein, klar. Aber ich werde dich nicht hassen. Ich werde nur wissen, dass du dich entschieden hast.“

Diese Klarheit trifft mich mehr als jede Berührung.

Ich drehe mich ein Stück zu ihr, so dass unsere Schultern fast aneinander liegen. „Und wenn ich ja sage?“

Ihr Lächeln wird langsam, weich, fast vorsichtig. „Dann…“ Sie beugt sich vor. „…dann finden wir heraus, ob die Phantasie mit der Realität mithalten kann.“

Mein Atem bleibt hängen.

Sie zieht ihr Handy aus der Tasche, tippt kurz etwas und schiebt es mir dann halb scherzhaft hin. Auf dem Display ist eine Notiz, nur drei Wörter:

Langsam. Klar. Einvernehmlich.

Ich muss lächeln, obwohl ich innerlich brenne. „Du hast dir Gedanken gemacht.“

„Natürlich.“ Sie schaut mich an. „Ich will dich. Aber ich will dich richtig.“

Ein warmer Schauer läuft mir über den Rücken.

„Du weißt, dass du mich gerade um den Verstand bringst“, sage ich heiser.

„Ein bisschen“, gibt sie zu. „Aber du willst es.“

Ich starre auf ihre Hand, die ruhig auf meinem Oberschenkel liegt, als wäre sie ein Versprechen. Dann hebe ich den Blick wieder zu ihren Augen.

„Ja“, sage ich. „Ich will es.“

Lisa atmet aus, als hätte sie kurz die Luft angehalten. Dann lehnt sie sich näher, so nah, dass ich die Wärme ihrer Haut spüre.

„Du hast heute Nacht nichts Wichtiges vor, oder?“ flüstert sie.

Ich schüttele langsam den Kopf.

„Gut.“ Sie lächelt. „Dann gehen wir.“

„Wo hin?“

„Zu mir.“ Sie hebt eine Augenbraue. „Oder zu dir. Aber ich mag meine Wohnung lieber.“

„Warum?“

„Weil ich dort die Regeln kenne.“ Sie steht auf, legt Geld auf die Bar und reicht mir dann die Hand – nicht wie jemand, der zieht, sondern wie jemand, der anbietet.

Ich sehe auf ihre Hand. Auf die schmalen Finger, den unauffälligen Ring, den sie trägt. Und ich denke: Das ist kein Traum. Das ist eine Entscheidung.

Ich nehme ihre Hand.

Draußen ist es kalt. Der Wind trifft uns wie ein Schlag, und Lisa lacht, zieht mich näher, als wäre das ganz selbstverständlich. Wir gehen nebeneinander, und jede Berührung zwischen uns fühlt sich plötzlich an wie ein Countdown.

In ihrer Wohnung ist es warm. Gedämpftes Licht. Der Geruch von Tee – oder vielleicht von Vanille. Lisa hängt ihre Jacke auf, dreht sich zu mir um und bleibt stehen, als würde sie mir die Chance geben, noch einmal auszusteigen.

„Letzte Möglichkeit, ’nein‘ zu sagen“, sagt sie leise.

Ich schüttele den Kopf. „Ich bin noch da.“

„Okay.“ Sie atmet tief durch. „Dann… langsam.“

Sie tritt näher, legt die Hände an meine Brust, spürt unter dem Stoff meinen Herzschlag. Ihre Augen suchen meine.

„Wenn irgendwas komisch wird, sagst du es“, sagt sie.

„Du auch.“

Sie nickt. Dann streicht sie mit den Daumen über meinen Kragen, als würde sie die letzte Barriere glattstreichen.

„Ich hab an etwas gedacht“, murmelt sie, und ihr Ton wird wieder ein bisschen verspielt. „Eine Art… Lektion.“

„Eine Lektion?“

„Nicht die Art, die du jetzt denkst.“ Sie lächelt schief. „Eher… eine, bei der du nicht reden musst.“

Sie geht zur Kommode, öffnet eine Schublade, und ich sehe nur einen kurzen Blick auf etwas Flaschenförmiges, etwas Glänzendes. Sie dreht sich zu mir, hält es hoch – nicht wie eine Provokation, eher wie eine Einladung.

„Ich gebe dir ein paar Stichworte“, sagt sie leise, genau wie vorhin, aber jetzt ist ihre Stimme weicher, ernster. „Entspannung. Wärme. Berührung. Und… ein bisschen Mut.“

Sie legt die Flasche neben sich ab und sagt, fast wie nebenbei, mit diesem frechen Unterton: „Es geht um heiße, nackte Körper… Gleitmittel… Ekstase…“

Mir fährt die Hitze in die Wangen, aber ich kann nicht anders: Ich muss lachen. Ein kurzer, rauer Laut.

„Du bist unmöglich“, sage ich.

„Nein.“ Sie kommt wieder zu mir. „Ich bin entschlossen.“

Ihre Finger greifen den Saum meines Pullovers. „Darf ich?“

Ich nicke.

Sie zieht ihn langsam hoch, und als der Stoff über meinen Kopf gleitet, fühlt es sich an, als würde etwas in mir ebenfalls abgeworfen – die Zurückhaltung, die Angst, die ganzen Vernunftschilder.

Lisa legt den Pulli zur Seite und steht einen Moment still, als würde sie mich betrachten. Nicht gierig. Nicht wie ein Spiel. Sondern aufmerksam. Ehrfürchtig fast.

„Du bist schön“, sagt sie leise.

Das Wort trifft mich unerwartet. Ich schlucke. „Lisa—“

„Shh.“ Sie legt einen Finger auf meine Lippen. „Nicht wegdiskutieren.“

Dann beugt sie sich vor und küsst mich.

Es ist kein hastiger Kuss. Kein Überfall. Es ist ein langsamer, sicherer Kuss, als würde sie prüfen, ob ich wirklich da bin. Ihre Lippen sind warm, weich – und als ich erwidere, öffnet sich etwas in mir, das ich lange verschlossen gehalten habe.

Ihre Zunge berührt meine, vorsichtig, fragend. Ich antworte, und dieser kleine Austausch fühlt sich an wie ein Ja, das tiefer geht als Worte.

Lisa löst sich einen Atemzug lang, ihre Stirn an meiner, und flüstert: „Du darfst auch wollen.“

Ich schließe die Augen. „Ich will.“

Ihre Hände gleiten an meine Seiten, und mein Körper spannt sich unter der Berührung an, nicht aus Angst, sondern aus dieser elektrischen Wachheit, die man nur spürt, wenn etwas Bedeutendes passiert.

„Setz dich“, sagt sie und führt mich zum Sofa.

Ich setze mich, und Lisa kniet kurz vor mir auf dem Teppich, schaut zu mir hoch. In ihren Augen liegt dieses Funkeln, aber dahinter auch eine Sanftheit, die mich fast aus dem Konzept bringt.

„Regel Nummer eins“, sagt sie. „Du atmest.“

„Ich atme.“

„Regel Nummer zwei: Du sagst, wenn du etwas nicht willst.“

„Okay.“

„Regel Nummer drei…“ Sie lächelt. „Du lässt dich führen.“

Ich lache leise. „Und du nennst das eine Lektion?“

„Ja.“ Sie richtet sich auf, setzt sich neben mich. „Eine, in der du endlich nicht alles kontrollieren musst.“

Sie nimmt die Flasche, gibt ein wenig von dem Öl auf ihre Hände und reibt es zwischen den Handflächen warm. Das Geräusch ist leise, aber in der Stille der Wohnung klingt es plötzlich laut.

„Leg dich hin“, sagt sie.

Ich gehorche, und für einen Moment liege ich da, den Arm über die Augen gelegt, als müsste ich mich vor der Intensität schützen. Dann spüre ich ihre Hände – warm, gleitend, sicher.

Sie beginnt an meinen Schultern, drückt nicht hart, sondern genau richtig, als hätte sie heimlich gelernt, wo die Spannung sitzt. Ihre Finger finden Punkte, die ich nicht mal benennen könnte, und lösen sie, als würden sie Knoten in mir aufmachen.

„Du bist angespannt“, murmelt sie.

„Überraschung“, sage ich trocken, aber meine Stimme wackelt.

Lisa lacht leise und beugt sich zu mir runter. „Dann entspann dich.“

„Du machst es mir nicht leicht.“

„Das ist Absicht.“ Ihre Lippen streifen kurz meine Schläfe – kein Kuss, eher ein Versprechen – und dann arbeitet sie weiter, langsam, konzentriert.

Während sie mich berührt, merke ich, wie mein Atem tiefer wird. Wie mein Körper nachgibt. Und wie diese Nähe etwas in mir beruhigt, das ich nicht mal als Unruhe erkannt hatte.

„Du warst immer so… beherrscht“, flüstert sie irgendwann.

„Das war nötig.“

„Vielleicht.“ Ihre Hände gleiten über meinen Rücken, und ich spüre, wie sich ein Schauder durch mich zieht. „Aber heute musst du nicht nötig sein. Heute darfst du echt sein.“

Ich drehe den Kopf zu ihr, sehe sie an, und da ist wieder dieses klare Blau. Kein Spiel. Nur Lisa.

Ich strecke die Hand aus, ziehe sie näher, und als sie über mich gebeugt ist, küsse ich sie. Diesmal bin ich es, der den Kuss vertieft – nicht hastig, sondern mit der gleichen langsamen Entschlossenheit, die sie mir vorhin gezeigt hat.

Lisa gibt ein leises Geräusch von sich, etwas zwischen Lachen und Atemzug, und ich spüre, wie sie sich an mich schmiegt, als wäre das der richtige Platz.

„Ich bin…“ Ich suche nach Worten.

„Du bist hier“, sagt sie.

„Ja.“

Sie legt die Stirn an meine. „Dann lass uns hier bleiben.“

Ihre Hände finden meine, verschränken die Finger. Für einen Moment ist alles ruhig – keine Rechnungen im Kopf, keine Warnschilder, keine Vergangenheit. Nur Wärme, Atem, Nähe.

Lisa küsst mich noch einmal, langsam, und dann flüstert sie: „Die beste Lektion ist die, bei der man nichts vorspielen muss.“

Ich ziehe sie zu mir, und ihre Haare streifen meine Wange. Ihr Lachen ist leise, zufrieden.

Draußen rauscht irgendwo ein Auto vorbei. Drinnen wird die Welt kleiner, weicher, näher.

Und als Lisa ihre Lippen wieder an meine legt, weiß ich nur noch eins mit absoluter Klarheit:

Heute Nacht muss ich nichts erklären.
Heute Nacht muss ich nur fühlen.

(…und der Rest gehört euch.)

RR

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