Das Interview: Julie lernt einen berühmten Schriftsteller kennen..

.. und erlebt vielleicht die Nacht ihres Lebens

Die Tür öffnet sich und für einen Moment ist die Aufmerksamkeit der Leute nur auf ihn gerichtet. Auch Julie bemerkt ihn.

Er nimmt seinen Mantel ab, bleibt stehen und durchstreift die Gäste des Cafés mit einem suchenden Blick. Die Leute sind wieder gesammelt.

An einem kleinen Tisch direkt neben der Bar lehnt eine junge Frau, dunkelhaarig, wahrscheinlich Ende 20. Ihre Blicke treffen sich. Auf ihrem Tisch steht ein Kaffee, daneben liegt ein Bleistift und ein Block.

Er hält den Blick und lächelt kaum merkbar, doch sehr einladend. Auf direktem Weg kommt er an ihren Tisch. Jetzt lächelt er sehr auffallend, aber doch gelassen. Er hängt seinen Mantel, der eben noch seinen Arm bedeckte über den Stuhl. Er setzt sich, atmet lange und hörbar aus.

„Entschuldigen Sie die Verspätung, im Verlag ist gerade einiges los, ich musste die nächste Bahn nehmen. Sie müssen Julie sein. Wie dem auch sei, fangen wir gleich an.“ Er ruft die Kellnerin und bestellt einen Espresso. Er streicht sich durch den Haaransatz und lacht. „Ich hoffe Ihre Fragen fallen etwas diskreter aus als die Ihrer Kollegin. Und bevor es später wieder Thema wird, ja, die Verlobung habe ich aufgelöst. Auf weitere Details werde ich nicht eingehen.“

Julie wird leicht rot, das dezente Make up versteckt ihre Spannung. Vor ihr sitzt der bekannte Autor Jacobs, und er scheint zu einem Interview verabredet zu sein. Sie ist wahnsinnig nervös, möchte sich aber die Gelegenheit nicht entgehen lassen, ihn kennenzulernen, und spielt mit.

„Nun gut, Herr Jacobs .“ Julie räuspert sich und platziert sanft ihre Arme vor sich auf den Tisch. „Zum warm-werden, schildern Sie doch kurz, wie Ihr typischer Arbeitstag aussieht.“

„Nun gut.“ Er lehnt lässt sich in den Stuhl zurückfallen und überschlägt die Beine. Er überlegt kurz und scheint dabei eine Stelle an der Wand hinter ihr zu betrachten.

„Wissen Sie, Ich glaube den einen Tag gibt es so bei mir nicht. Ich stehe meist etwas später am Tag auf, vielleicht gegen 9, manchmal halb 10. Ich bin kein Langschläfer, aber meistens sehr lange wach, weil ich abends am besten Arbeiten kann. Und mir auch dann die meisten Inspirationen kommen. Und wenn ich da was sehe, das für den Moment einfach meine ganze Aufmerksamkeit beansprucht, dann stimuliert mich das unheimlich. In solchen Momenten, wo ich die Welt ganz kurz irgendwie ungefiltert, oder nennen wir es „echt“ wahrnehmen kann, da kommen mir die anregensten Ideen und Vorstellungen. Es entwickelt sich dann oft ein starker Druck meine Wahrnehmung irgendwie auf’s Papier zu bringen. Und  weil ich den Anspruch habe meine eigene Innenwelt ganz echt, so wie sie ist, darzustellen, lasse ich dann auch keine Zeit verstreichen und schreib’s direkt auf. Eigentlich ganz egal wann das passiert, morgens direkt nach dem Aufstehen, beim Kaffee, wenn ich mit eine Frau treffe.. Spüre ich den Druck, haben alle anderen Dinge erst mal Pause.“

Für einen Moment herrscht Stille, Julie wartet offenbar bis Jacobs weiter spricht.

„Wollen Sie denn keine Notizen machen?“ Julie wird es warm. „Oh, natürlich. .. Das meiste merke ich mir aber einfach, ich, ich habe ein ganz gutes Gedächtnis.“ Er lacht und zieht verzieht etwas ungläubig sein markantes Gesicht.

„Kommen wir zur nächsten Frage. Unter Kennern gilt ihr neustes Buch als heiß begehrt. Vorher sprachen Sie bereits über den Druck der Sie überkommt, wenn sie inspiriert sind. Was war Ihre Inspiration in diesem Fall?“

Jacobs erzählt von seiner ehemaligen Verlobten. Es geht um Wärme und Geborgenheit. Die Darstellung wirkt sehr ehrlich.

Jacobos grinst in sich hinein, gedankenverloren. Er öffnet den obersten Knopf seines Hemds und krempelt die Ärmel ein Stück zurück. Er trägt keine Uhr, seine Arme wirken stark. Er fasst sich schnell wieder und erzählt weiter.

„Jedenfalls, meine ehemalige Verlobte schien mich  in vielen Punkten zu ergänzen. Sie ist eine sehr sanfte Person, sehr weiblich. Ich bin oft gestresst, weiß nicht wo mir der Kopf steht. Immer wenn wir uns sahen, nahm ihre Anwesenheit mir wie automatisch meinen Druck. Das Gefühl getrieben zu sein. Ich renne von A nach B, arbeite viel, treffe Menschen, sehe Orte. Wenn ich neben ihr liege, ich meine lag, kann ich einfach nur im Moment sein. Und wenn ich sie umarmte, wenn wir uns liebten, war alles vergessen, nichtig. Ihre Art verlieh mir das Gefühl unbesiegbar zu sein. Dann war ich der Mann, der ich sein wollte.“

Die Art wie Jacobs spricht erregt Julie leicht. Sie legt ihren Blazer ab und streicht sich eine Strähne hinters Ohr.

„Erzählen Sie mir mehr von Ihrer Verlobten.“

„Nein. Das war genug. Keine weiteren Fragen zu meiner ehemaligen Verlobten.“ Jacobs ist wieder ganz präsent, wirkt ernst.

Julie fällt es schon seit einer Weile schwer, klare Gedanken zu fassen. Jacobs Ausstrahlung nimmt sie voll in Anspruch. Er hatte etwas wildes, starkes, gleichzeitig war er sehr gefasst und schien durch und durch Geschäftsmann.

„In Ihren Büchern wird immer wieder das Thema Sex als etwas grundlegend animalisches beschrieben. Gleichzeitig werden die Liebesszenen oft sehr zärtlich, leidenschaftlich dargestellt. Wie passt das zusammen?“

Er lehnt sich vor, stützt sich auf den Tisch auf. „Alle Dinge sind im Grunde dual. Sanftheit – Härte, Ausdehnung – Einziehen, Umarmen – Stoßen. Nur bei der Liebe, richtiger, authentischer Liebe, habe ich bis jetzt keinen Gegensatz gefunden. Wenn Leute über Sex schreiben, sehe ich da oft nur die romantische, sanfte, gesellschaftlich korrekte Seite. So wie das immer in Filmen dargestellt wird. Mir ist eine authentische Darstellung wichtig. Wenn da Zärtlichkeit ist, ist da auch Härte. Wir versinken im Anderen Pol und entfalten unsere ursprünglichste, nicht zähmbare Seite. Wenn ich mit einer Frau schlafe, bin ich Liebhaber, und Tier.“

Julie bemerkt erst jetzt wie ihre Hand beim Zuhören immer weiter vom Knie unter ihren Rock gewandert ist. Sie spürt ihr Herz schlagen. Beim Zuhören verliert sie sich immer wieder in unangemessenen Vorstellungen.

Ihre Stimme ist jetzt etwas zittrig. „Ich nenne Ihnen jetzt ein paar Begriffe, und sie sagen mir bitte das erste, was Ihnen dazu in den Sinn kommt.“ Er nickt.

„Stift“ – „Freiheit.“

„Goethe“ – „Langweilig.“

„Lieblingsbeschäftigung“ – „Frauen.“

„Lieblingsort“ – „Bett.“

— kurze Stille —

„Lassen wir das Ganze. Ich habe schon vor 10 Minuten bemerkt wie scharf Sie auf mich sind.“

Julie ist überrumpelt, fühlt sich ertappt. Doch sie merkt an seinem Blick, dass das kein Vorwurf, sondern eine Einladung war.

„Gehen wir einfach. Ich bin mir sicher, ihr Bericht wird etwas authentischer und interessanter ausfallen, wenn sie auch ein paar andere Seiten an mir kennen lernen..“

Er steht auf, sein Blick gefasst, der Stand sicher. Julie kann nicht mehr denken. Sie scheint ihre Bewegungen nicht mehr bewusst kontrollieren zu können; sie begleitet ihn aus dem Cafe. Jacobs nimmt Julies Hand. Er führt sie. Schon an der nächsten unbelaufenen Straßenecke drückt er sie sanft gegen die Wand, kommt näher. Sie spürt seinen unheimlich lebendigen Atem auf ihrem Kinn. Seine Lippen sind rau, aber ganz sanft, sie küssen sich und ihr Puls wird schneller.

„Nehmen wir uns ein Zimmer, Julie.“ Sie vertraut ihm, und eins ist ihr klar: Vor ihr liegt eine Nacht, die sie niemals vergessen wird.

 

Etwas später betritt eine ältere Dame das Cafe. Die Aufmerksamkeit ist für einen Moment ganz auf sie gelenkt. Sie geht zur Theke und fragt die Angestellte:

„Guten Tag, ich war mit Herrn Jacobs verabredet, für ein Interview, dem bekannten Schriftsteller. Sie müssen ihn sicherlich bemerkt haben.“

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